Buchheimer Geschichten ...

Der Kindlesbrunnen

„Storch, Storch Guter, bring mir einen Bruder - Storch, Storch Bester, bring mir eine Schwester“
Mit diesem Sprüchlein wünschten sich früher vielerorts die Kinder ein Geschwisterchen. Oft wurde auch noch zusätzlich ein Stückchen Zucker für den Storch auf das Fenstersims gelegt. Aber da in Buchheim sehr selten so ein Vogel nistete, musste sich die Hebamme etwas anderes einfallen lassen. Sie holte die Neugeborenen einfach aus dem KINDLESBRUNNEN.


Im Gewann Höllenbart gelegen, war es streng verboten, besonders für Kinder, dort nachzuschauen, ob es mal wieder „soweit“ war. Nur ganz Mutige wagten heimlich einen Blick ins Klare Wasser und siehe da, man konnte schon die Äuglein erkennen – oder war es vielleicht doch das eigene Spiegelbild? Auf jeden Fall gab es im Dorf bald wieder Nachwuchs.

 

Die Hebamme, auch Hebemutter oder Wehmutter genannt, war im Dorf eine sehr geachtete Frau mit hohem Sozialprestige. Von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit befugt, begleitete sie die Frauen bei der Geburt, betreute die Wöchnerin und das Neugeborene. War das Kind ohne Lebenschance durfte die Hebamme mit Erlaubnis der Kirche eine Nottaufe spenden. Sie hatte meist ein hohes Fachwissen und verfügte über reiche Kenntnisse in der Kräutermedizin. Für die Frauen waren – und sind es auch heute noch – die Geburten ein hohes Risiko. Von der schweren körperlichen Arbeit erschöpft und durch hygienische Umweltbedingungen für Infektionen anfällig, starben viele Frauen im „Kindbett“ und mit ihnen meist auch das Neugeborene.

 

Da ein Verhüten einer Schwangerschaft weder bekannt noch erlaubt war, sind die Geburtseintragungen in den kirchlichen und ab ca. 1870 auch in den standesamtlichen Büchern sehr zahlreich. Natürlich überlebten nicht alle Neugeborenen und die Kindersterblichkeit war auch in Buchheim bis in das 20. Jahrhundert hinein sehr hoch.

Und so hatte eine Hebamme im wahrsten Sinne des Wortes „alle Hände voll zu tun“.

In alten Zeiten wählten die Frauen aus ihrer Mitte heraus ihre Hebamme selbst, die Wahl musste vom Ortsherren genehmigt werden. Erst im 19. Jahrhundert wurde eine geeignete Person von der Gemeindeverwaltung vorgeschlagen und die Wahl musste dann vom Bad. Bezirksamt Meßkirch bestätigt werden.

Die Ausbildungskosten, sowie die Ausrüstung (Hebammenkoffer) übernahm die Gemeinde, die auch ein jährliches Wartegeld auszahlte. Die Entbindungskosten bezahlten die Familien direkt an die Hebamme.

 

Buchheimer Hebammen

Juliane Knittel geb. 1782 in Buchheim, hier 1836 verstorben und verheiratet mit Cyriakus Müller, ist die erste in der badischen Verwaltung bekannte Hebamme. Im Sterbebuch 1836 wird erwähnt, dass sie 22 Jahre tätig war.

Bis 1863 fehlen bis jetzt noch Hinweise.

Rosa Beyer geb. 1838 in Buchheim, verstorben 1910, war mit Titus Mayer verheiratet. Sie übte von 1863 bis 1906 ihr segensreiches Amt aus. 1905 wurde ihr die silberne Ehrenmedaille der Hebammen für ihren Beistand bei über 1.200 Geburten verliehen. Sie selbst hatte nach 17 Geburten 5 Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten.

Anna Kaiser geb. 1884 in Buchheim, 1963 hier verstorben und verheiratet mit Leopold Kohler, ist die Nachfolgerin von Rosa Beyer/Mayer. 1907 wurde sie als Hebamme verpflichtet, das Prüfungszeugnis hat sie in Donaueschingen erworben. 1947 ist Anna Kaiser/Kohler mit einer Ehrenurkunde für 40 Jahre Hebammendienst gewürdigt worden. 1950 gab sie ihr Amt krankheitshalber ab an

Elise Braun aus Leibertingen. Um von dort schneller nach Buchheim zu kommen, kaufte diese sich ein Motorrad. Die Gemeinde gab dazu einen Zuschuss von 120 DM. Problematisch wurde es allerdings während der Winterzeit und so spannte Kordula einmal den Wachterschen Rennschlitten an, um die Hebamme pünktlich am 07. Januar 1949 zur Geburt der kleinen Franziska von Leibertingen nach Buchheim zu kutschieren. Aber die Gemeinde wollte nun doch wieder eine eigene Hebamme. Es bewarb sich 1953

Anna Hermann, 1930 in Buchheim geboren, sie verstarb 2013. Verheiratet war sie mit Mathäus Frey. Anna Hermann bestand das Hebammenexamen an der Universitätsklinik Freiburg 1954 mit der Note sehr gut. Sie bekam die Niederlassungserlaubnis für die Gemeinden Buchheim und Worndorf.

 

In den folgenden Jahren allerdings bevorzugten viele Frauen eine Entbindung unter ärztlicher Aufsicht in einem Krankenhaus. 1964 wurden die Hebammenbezirke neu eingeteilt und wesentlich erweitert, aber die Zeit der Dorfhebammen war vorbei.

Die Krankenhäuser Meßkirch und Tuttlingen beschäftigten nun selbst eigene Hebammen und so wurden viele Kinder „auswärts“ geboren, sind aber doch echte Buchheimer!

Heute ist der Kindlesbrunnen durch einen schweren Deckel gesichert, er liegt auf privatem Grund.

 

Übrigens: auch aus Irndorf wird berichtet, dass dort die Hebamme früher die Kindlein ebenfalls aus einem Brunnen holen konnte!